Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

 

„Über dich wird auch ziemlich viel geredet, hm?“

Es war keine wirkliche Frage, eher eine Feststellung. Eine wissende Feststellung und ich winkte nur müde ab. Mir gegenüber saßen zwei Mütter aus meinem ehemaligen Dorf und die Rede war von dem Umstand, dass meine beiden Kinder nach der Trennung von meinem Mann nun bei ihrem Papa leben. Eine Entscheidung, die wir getroffen haben, weil sie möglich war. Eine Entscheidung, die sowohl Vorteile wie Nachteile bringt. Meine Große fasste das mit ihren sieben Jahren mal ziemlich klug zusammen: „Es ist jetzt gut. Aber früher war es besser.“

Ich denke nach so einer Trennung gibt es keine Lösung, die für die Kinder so gut ist, wie vor der Trennung. Von dem Gedanken muss man sich verabschieden. Man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Ich sage auch nicht, dass die aktuelle Lösung die beste ist. Es bleibt für die Kinder eine Lücke zurück, die auch da wäre, hätten wir den umgekehrten Weg gewählt.

Wenn ich uns in unserem kleinen Mikrokosmos betrachte, läuft es sehr gut. Wir haben unsere Termine für ein Jahr im Voraus geplant: Wann sind die Kinder bei wem, wer übernimmt wann die Ferien, wann gibt es berufliche Termine, …? Dazu schicken wir uns gegenseitig die Termine an unsere Kalender. Änderungen besprechen wir und richten sie nach unseren Möglichkeiten ein. Die Kinder wissen genau Bescheid, an welchen Tagen sie bei mir sind. Wir sind Eltern und wollen uns nicht um und über die Kinder streiten und mit Verlaub: Ich finde, wir bekommen das großartig hin. Wir klären keine vergangenen Beziehungsthemen mehr miteinander, wir basieren allein über die Elternschaft, die uns miteinander verbindet. Denn ganz ehrlich, wenn wir noch Beziehungsthemen miteinander klären müssten, dann hätten wir auch zusammenbleiben können. Finde ich.

Aber da sind die anderen. Die reden, verurteilen, sind neugierig, verstehen nicht, tuscheln, ätzen herum. Und obwohl ich mir vornahm, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, beschäftigt mich das und geht nicht sang- und klanglos an mir vorbei. Dabei ist es nicht das Gerede an sich, das sind nur zusätzliche Tropfen auf dem ohnehin heißen Stein. Denn ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Das heißt aber nicht, dass ich schuldig bin. Ein schlechtes Gewissen eint wohl fast alle Eltern, egal ob zusammenlebend, getrennt oder wie auch immer. Wir versuchen immer das Beste für unsere Kinder zu geben und dabei selbst irgendwie auch nicht zu kurz zu kommen. Manchmal glaube ich, wir wollen viel zu viel für unsere Kinder, es soll perfekt laufen. Aber dieses Leben ist nun mal nicht perfekt. Es hat Höhen und Tiefen und auch unsere Kinder müssen hin und wieder durch welche hindurch. Das auszuhalten ist hart. Diese Tatsache als eigenes Versagen zu deuten, ist masochistisch. Und weil ich ständig mit mir selber kämpfe, tut Kritik von außen so weh.

Ich nehme an Kindergarten- und Schulfesten teil und fühle mich unwohl. Ich fühle mich beobachtet. Bei näherem Kontakt mit anderen Eltern stelle ich oft so eine Art Überraschung in ihrem Gesicht fest. Als würden sie verwundert wahrnehmen, dass ich keine Hörner auf dem Kopf habe, kein Monster, keine Außerirdische bin. „Die ist ja doch ganz okay“, meine ich des öfteren im Gesicht meines Gegenübers zu lesen.

Von 14 Tagen bin ich sechs Tage mit meinen Kindern zusammen. Ich richte die Kindergeburtstage aus, ich mache mit der Großen Hausaufgaben, ich telefoniere fast jeden Tag mit beiden, ich gehe mit ihnen einkaufen, fahre sie zu Freunden. Ich bin keine Freizeitmama, ich habe nach wie vor einen Erziehungsauftrag und bekomme deshalb auch das gesamte Gefühlspotpouri meiner Kinder ab.

Der Kontakt zu anderen Eltern stresst mich. Und der Plan, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, ist mit Sicherheit kein schlechter. Daran arbeite ich noch.

„Die ist wieder zurück in die Stadt gezogen“, hörte ein Bekannter von mir vor kurzem. Er erklärte seinem Gegenüber, dass er es gut findet, wie wir das hinbekämen und dass das auf dem Niveau selten ist. Und er sah, dass seine Worte Wirkung zeigten, der zunächst leicht naserümpfende Gegenüber fing an zu nicken und nachzudenken.

Deshalb habe ich mir überlegt, mehr über unser Modell zu schreiben. Wie wir was regeln, wo es schwierig ist, was die Kinder brauchen und über was wir so reden. Ich weiß aufgrund meines Erstbeitrags zu diesem Thema, dass es viel mehr Familien gibt, die dieses rebellische Modell leben und ihnen will ich hier eine Stimme geben. Fast 150 Kommentare finden sich nun unter diesem Beitrag, dort finden schon Gespräche zwischen einzelnen Kommentatorinnen statt. Insgesamt wurde der Beitrag über 31.000 Mal geklickt, für meinen kleinen Blog ist das gigantisch. Fast täglich findet jemand zu meinem Blog, weil er in Google „wenn die Kinder beim Vater bleiben, Trennung“ eingegeben hat. Betroffene suchen im Netz und finden nur wenig. Kämpfen tun sie aber fast alle mit den äußeren und inneren Stimmen. Auch wenn sich das oft so anfühlt: Ich bin nicht allein. Und ihr seid es auch nicht.

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Aus: Brigitte MOM 02.2015

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13 Antworten zu Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

  1. Silvia schreibt:

    Super beitrag

  2. just a thought schreibt:

    in unserem winzidorf in südostoberbayern leben wir ebenfalls dieses modell – ich bin ausgezogen, die kinder leben beim vater. bei uns gestaltet sich der umgang nochmal ein bisschen anders: ich bin quasi jeden tag im alten haus, wir essen zusammen abend oder mittag, zweimal in der woche wecke ich früh die kinder und 2-3x in der woche schläft je ein kind bei mir, sie wollen das als so eine art exklusive alleinzeit mit mama. in den familienurlaub fahren wir gemeinsam – noch denke ich, die kinder sind 9 und 10, das wird sich nach und nach eh verselbständigen.

    ich kenne diese anfeindungen nicht. das mag daran liegen, dass wir ohnehin zugereiste sind und von daher bereits kaum in der dorfgemeinschaft integriert sind. was aber extrem aufdällig ist: ich werde relativ oft in 1:1 begegnungen auf unser modell angesprochen, wie man das machen kann, wie wir das geschafft haben etc. ich erlebe grosse neugierde, ausschliesslich frauen, die wohl selbst am überlegen sind aich zu trennen.
    unsere kinder würden ähnlich antworten wie deine tochter: es ist gut, aber schöner wäre natürlich das von früher. allerdings – und das sagen auch beide – sie erleben familie viel harmonischer und ohne streit. (neulich sind mein mann (den ich immer noch so nenne) und ich nach ewigen zeiten mal wieder kurz aneinander geraten, da schauten die konder völlig verdutzt und mussten fast lachen „seht ihr komisch aus wenn ihr streitet!“ :))

    das modell funktioniert aber es mutet beiden elternteilen mehr zu als jedes andere modell hab ich den eindruck. und es steht und fällt nit der vorgeschichte – je grösser und atärker dort die verletzungen waren umso unwahrscheinlicher ist der erfolg. es braucht viel eigene stärke (gerade was zb so reflexionen von mutter sein angeht……!!) von beiden um ihre rollen auszufüllen und gleichzeitig dem anderen seine rolle zu ermöglichen und ihm in dieser auch zu helfen. so erklärt mein mann zb oft den kindern, wieso ich diejenige bin die nicht da ist und ich den kindern, warum papa manchmal durch die nähe reagiert wie er reagiert. kein ausspielen, kein hintenrum. dafür muss man schon gemacht sein 🙂

    ich bin gespannt, ob sich das modell mehr etablieren kann – wage es aber zu bezweifeln eben weil es so sehr davon abhängt, was vor der trennung war.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich weiß nicht, ob sich dieses Modell einmal etablieren wird, muss es ja auch gar nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es normaler wird, dass Familie bunt ist und dass dies nicht mehr so viel Skepsis und Erstaunen hervorrufen wird. Die Optimistin in mir ist da tatsächlich zuversichtlich.

      Schön, dass das bei euch so gut klappt und du gute Erfahrungen machst. Liest sich so, als würdet ihr alle gut miteinander zurecht kommen. Schön.

      Danke für deinen Kommentar.
      [Übrigens könnte ich mir vorstellen, dass wir gar nicht weit voneinander weg wohnen ;-)]

  3. Pingback: strandgut VIII. | its just a thought. only a thought.

  4. Kathi schreibt:

    Ich hab es bei dem alten Beitrag schon kommentiert, dass eine Freundin von mir dieses Modell lebt und am meisten unter den Rabenmuttervorwürfen leidet. Ich sag ihr dann jedes Mal a) Raben sind tolle Eltern und b) zerrst du aus Liebe nicht am Kind, was der größte Liebesbeweis überhaupt ist und wohl kaum ein Mangel an Interesse.

    Aber ja, über dich wird wohl auch geredet werden, trotzdem oder gerade deswegen: du/ihr macht das super!

  5. Hannes schreibt:

    Ich finde, du und ihr macht das ganz prima. Und ich freu mich sowohl für dich als auch für die Kinder, dass das so ist 😉

  6. fraumamaschreibt schreibt:

    Ja ihr bekommt das hin Respekt…und ehrich ich beneide dich darum… denn unsere Kinder sind Teenis. ..und die lassen sich nicht mehr verplanen… zudem spielen sie ihre Macht aus. Zudem können wir Eltern micht mehr miteinander reden und schon gar nicht über die Erziehung… heute verändert sich mein blick.. ich vertraue meiner bisherigen Erziehung und wenn meine kinder da sind dann reden wir mehr statt zu erziehen.. ich bin sehr vorsichtig und finde mich in meine Rolle

  7. Pingback: muss es denn immer normal sein? | its just a thought. only a thought.

  8. Pingback: Linkssammlung Lebensmodelle - frauenseiten.bremen

  9. Toller Beitrag!
    Liebe Gruesse Monika

  10. Pingback: WerdenundSein

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