590 Km. Oder: Der Feind in meinem Kopf

Letztes Jahr im Februar wusste ich nicht viel. Frisch nach der Trennung von meinem Mann war mein Alltag davon geprägt, mich überhaupt in diesem neuen Leben zurecht zu finden. Klar kommen und über Wasser bleiben, war die Devise. Ganz sicher wusste ich aber eins: Ich wollte einen Halbmarathon laufen. Bis September sollte es mehr als realistisch sein, meine Afterbaby-Kondition auf Halbmarathon-Niveau zu bringen. Ich war mir so sicher, dass ich meine zwanzig Jahre alten (relativ wenig genutzten) Laufschuhe in die Tonne warf und mir für den gefühlten Wert eines Kleinwagens neue leistete. Ach ja, und angemeldet habe ich mich für den Lauf auch. Verbindlich, versteht sich.

Mein erster Laufversuch überraschte mich selbst. Fast fünf Kilometer schaffte ich aus dem Stand heraus. Ich fand das großartig, nachdem ich quasi sieben Jahre lang nur dann gerannt war, wenn ich irgendeines der beiden Kinder einfangen wollte. Gut, schnell war ich nicht, es war eher so eine Art meditatives Fortbewegen, das ein wenig dynamischer wurde, wenn ich versuchte, einen Fußgänger zu überholen, aber hey, ich schaffte fünf Kilometer, quasi einen Achtelmarathon. Begeistert über meine Leistungsfähigkeit, joggte ich am nächsten Tag wieder los. Ich lief drei Kilometer, ignorierte den Schmerz in meinem linken Knöchel einen weiteren Kilometer, um anschließend vier Kilometer zurückzuhumpeln – direkt in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses.

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Ein Klassiker: Sehnenüberlastung. Ich beschloss, den Fuß vernünftig und ausreichend ausheilen zu lassen, meine Motivation gesellte sich derweil zu meinen Laufschuhen, die weit hinten im Schrank verschwanden. Anfang April startete ich einen neuen Versuch: sehr langsam und auch nur 2 km. Der Fuß hielt. Die Motivation leider nicht. Erst Ende Mai packte es mich wieder und ich starte erneut. Einen Monat lang lief ich regelmäßig und motiviert bis mir mein Fuß erneut einen Strich durch die Rechnung machte. Ich fand das nicht sonderlich witzig, dennoch dachte ich, „Ich bin es, die hier anschafft, nicht mein Körper.“ Vorsichtig, nicht hirnlos und auf meinen Fuß und Körper hörend startete ich Mitte Juli erneut. Bald schaffte ich das erste Mal acht Kilometer, ein wahnsinniges Gefühl, ich war sehr stolz. Auf mich, dass ich nicht aufgegeben hatte, aber auch darauf, dass mein Körper mitmachte. Ich entwickelte ein neues Bewusstsein dafür, wie gesund ich bin. Dass ich laufen konnte und durfte. Ja, dankbar war ich. Und deshalb wollte ich nichts riskieren und buchte meinen Halbmarathon um auf den 10km-Lauf. Es war ein schöner Lauf am 19. September, mitten im Chiemgau-Tal. Ich lief ihn gemütlich, hörte Musik und war unterm Laufen einfach glücklich. Als Relation: Zu dem Zeitpunkt brauchte ich für einen Kilometer 6 Minuten 40.

Eine Woche zuvor lief ich als „Laufperle“ den Womensrun in München mit. 8 km quer durch den Olympiapark. Gleich nach dem Start ließ ich mich mitreißen und sauste in einem Affenzahn los. Ein großer Fehler, der mir den gesamten Lauf im wahrsten Sinne des Wortes versau[er]te. Die acht Kilometer waren extrem hart, das Auf und Ab im Olympiapark tat sein übriges und es war eine Qual, überhaupt ins Ziel zu kommen. Im Nachhinein war das eine gute Erfahrung. Ich weiß nun, wie wichtig es ist, sich seine Kräfte gut einzuteilen. Wie notwendig es ist, Distanzen zu kennen und seine Grenzen und Kräfte einschätzen zu können. Es ist äußerst hilfreich, gut auf sich zu hören und in gutem Kontakt zu sich zu stehen. Mein Tempo zählt, nicht das der anderen. Überforderung vernichtet Energie. Das bedeutet im Sport manchmal, dass danach nichts mehr geht oder aber jeder weitere Schritt zur Qual wird. Das ist wie im echten Leben.

Ich trainierte weiter, arbeitete an meiner Geschwindigkeit, ignorierte erfolgreich den Winter und lernte ihn zu schätzen. Ein Jahr nach meinem ersten Lauf lief ich erstmals 15 Kilometer. Mein neues Ziel: Halbmarathon Waging Mitte April. Doch obwohl ich gut auf mich aufpasste erwischte mich eine Bronchitis. Ärgerlich. Waging musste ohne mich starten und so konzentrierte ich mich voll und ganz auf den Halbmarathon Salzburg am 1. Mai.

Die Vorbereitungszeit wurde knapp. Ich wollte je Woche einen Kilometer bis auf 19 km steigern, nun musste ich das Training ordentlich straffen und das Programm schneller durchziehen. 15 km, dann 17, nochmal 17, dann 19.

Salzburg, 1. Mai – es war soweit.

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Die Kurzfassung: Es war geil. In der Wettkampfsituation war ich mental extrem gut drauf. Ich lief die 21,1 Kilometer ohne Einbruch. Im Training hatte ich zwischen dem 7ten und 11ten Kilometer oft eine Schwäche und hatte etwas Sorgen deswegen. Unterm Laufen beschloss ich schlicht und ergreifend, dass ich das ignorieren würde. Das hat geklappt, es war ein Self-Fulfilling-Problem – wenn du glaubst, es wird schwierig – wird es schwierig. Das wurde mir unter dem Laufen klar.

Während des ganzen Laufs über standen Menschen am Wegesrand, die einem zujubelten. Kinder streckten am Wegesrand die Hand aus und ich lief hin und schlug ein. Eine Frau rief mir zu: „Super siehst du aus.“ „Super Leistung“ – hörte man auch immer wieder. Wie oft im Leben übersieht man diese Menschen am Wegesrand, die einem Mut machen, einem gute Wünsche auf den Weg geben, einen motivieren? Man kennt sie nicht, sieht sie nur Sekunden, aber während eines solchen Laufs sind sie Gold wert. Immer wieder rief ich ihnen „Danke“ zu. Ich applaudierte den Musikern und Trommlergruppen an der Laufstrecke, und die wiederum freuten sich.

Ab Kilometer 18 habe ich gemerkt, dass es jetzt wirklich schwierig wird. Ich zog in Erwägung, meine Geschwindigkeit zu drosseln und dann zum Ende hin nochmals richtig Gas zu geben. Doch dann entschied ich mich, das Tempo zu halten. Noch 18 Minuten, das würde ich packen. Die richtige Entscheidung. Ich änderte die Relation. Es waren keine drei Kilometer mehr, sondern nur noch 18 Minuten. Das war quasi nichts und diese gedankliche Neuorientierung hat mir viel Energie gegeben. Als ich über die letzte Brücke in den Stadtkern lief, musste ich vor lauter Rührung weinen.

Ein Jahr war vergangen und da war ich nun. Ich lief durch das wundervolle Salzburg und war mittendrin in meinem Ziel – mit einem Tempo von 6 Minuten pro Kilometer. Ein Jahr Training, ein Jahr Neuorientierung. Ich bin vielem davon gelaufen und vielem entgegen. Im Nachhinein hat mir dieser Halbmarathon Struktur gegeben in einer Zeit, in der alles unsicher war.  Schmerz körperlicher Art ist ein guter Ableiter für seelische Schmerzen.

590 km. Die bin ich im letzten Jahr gelaufen. Ich weiß jetzt, dass wenn ich mir ein Ziel setze, es auch erreiche – auch wenn es später ist. Ich weiß, dass mein größter Feind in meinem Kopf sitzt und dass ich stärker bin als er.

Das Wissen um die Distand kann hart sein.

5 km geschafft, ein Viertel, yeah.

Was?! Erst 9 km, da folgen noch 12 – bäh.

Wow! 18 km geschafft, nur noch 3.

Und dennoch ist das Wissen um die Distanz absolut hilfreich. Ich komme nicht gut damit klar, wenn ich nicht weiß, wie weit der Weg noch ist. Oder wenn sich der Weg unerwartet verlängert. Hier stimmen Training und meine Reaktionen im Leben absolut überein. Es ist eine gute Erkenntnis. Sie macht es nicht leichter, wenn mal wieder kein Ende in Sicht ist und ich schier verzweifle. Aber ich kann mit etwas mehr Nachsicht auf mich blicken.

Training macht einen nicht nur körperlich fit, sondern vor allem im Kopf. Durch das Training habe ich mich gut kennengelernt. Meine Stärken, aber auch meine schwachen Phasen. Ich wusste dadurch, dass diese vorbei gehen würde. Dieses Wissen macht ein Tief durchstehbar. „Es geht immer weiter“ – eine Gewissheit, die mich im Tiefsten meines Herzens in diesem Leben begleitet und die dort wie aber auch im Training viel wert ist.

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10 Antworten zu 590 Km. Oder: Der Feind in meinem Kopf

  1. Claudia schreibt:

    Danke! Einfach danke! Deine Worte berühren mich sehr – und das, obwohl ich selbst keine „Läuferin“ bin und überhaupt Sport an sich beinahe ausschließlich im Kinder-hinterher-hechten betreibe. Doch Du zeigst ja, dass es nicht um den Sport alleine geht sondern um den Weg der eigenen Seele und wieder einmal mehr frage ich mich, wann ich mich der Herausforderung und meiner „Ausrede“, meinem Belastungsasthma stelle… Jetzt geh ich erstmal Wallfahrten.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Claudia. Danke für deinen schönen Kommentar, genau dafür habe ich all das aufgeschrieben, um zu motivieren. Viel Spaß auf deiner Walfahrt, das ist sicherlich auch eine schöne Art und Weise, sich selbst näher zu kommen.

  2. Travelling Panda schreibt:

    Tolle Geschichte! Ich habe erst im April letzten Jahres angefangen und habe inzwischen ein paar 10 km Rennen absolviert. Halbmarathon vielleicht irgendwann mal…

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Die 10km-Distanz mag ich sehr. Da kann man gut „spielen“. Nicht total easy, aber durchaus absehbar. Schöne Distanz. Danke für deinen Kommentar und noch viel Spaß beim Laufen.

      • Travelling Panda schreibt:

        Danke 🙂 Ja, das habe ich bei meinem zweiten 10 km „Rennen“ gespürt. Bin zu schnell losgerannt, konnte dann aber doch dosieren, um noch „gut“ ins Ziel zu kommen.

  3. just a thought schreibt:

    glückwünsche!!! mögest du mir ein vorbild sein um aus dem alleine laufen rauszukommen und mich jetzt auch endlich mal in die wettkampfsituation zu begeben…..das wäre dann nämlich mein thema bei dit janze 😉

  4. Carsten schreibt:

    Sehr schöner Betrag. Erinnert mich an meinen Weg zum Marathon. Habe auch mit nem Halbmarathon angefangen und dann kam das hier:
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/stuemperei/42er-tagebuch/#start
    Und hier der Wettkampfbericht:
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2013/mein-marathon/

  5. Carsten schreibt:

    Nachtrag:
    ich liebe diesen Text von Arthuro zum Thema „Laufen im Winter“:
    Todfeine zu unseren Gunsten
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2014/todfeinde-zu-unseren-gunsten/

  6. Lutz Prauser schreibt:

    Ein toller Text über die ‚Macht des Sports‘.
    Auch wenn Laufen so gar nicht mein Ding ist, im Wasser läuft letztlich das Gleiche ab.
    Ich kann vieles so gut nachvollziehen (bis auf die Leute am Wegesrand, die hat man im See nicht).

  7. Jenne schreibt:

    Haste toll geschrieben. Da sieht man, was möglich ist, wenn man am Ball bleibt. Und das Sport nicht einzig nur ausschließlich gut für den Körper ist. Weiter so !

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