Komfortzonen

Als Lisa ein Kind war, wünschte sie sich von Herzen ein Pferd. Ihre Eltern waren aber dagegen und verneinten ihren Wunsch. Lisa begann nach der Schule nebenbei zu arbeiten, ihre Eltern hielten das vermutlich für reinen Fleiß, was sie nicht wussten: Lisa war nicht nur fleißig, sondern auch besonders ehrgeizig. Lisa wollte ein Pferd – sie kaufte sich ein Pferd. Sie kümmerte sich um einen Stall und kam für die Versorgung auf und das alles heimlich. Lisa war zu dem Zeitpunkt 16.

Die Geschichte ist wahr und beeindruckt mich wahnsinnig. Niemals wäre ich in dem Alter auf die Idee gekommen, mich nach einem Nein nach weitere Optionen umzusehen. Überhaupt war mir damals gar nicht bewusst, dass ich mir gesetzte Grenzen überwinden kann. Und vermutlich habe ich mich deshalb auch sehr oft machtlos gefühlt und fand mich häufig in Situationen wieder, in denen ich eigentlich gar nicht sein wollte. Dass ich mein Leben durchaus beeinflussen kann, dahingehend wie es verläuft und was mir widerfährt, das habe ich erst viel später begriffen.

An all das musste ich die Tage denken, als ich die letzten Wochen Revue passieren ließ. Ich habe nach 12,5 Jahren meinen Job geschmissen und damit eine Grenze gezogen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nichts Neues, der Markt war mir aber als Bilanzbuchhalterin durchaus wohlgesonnen. Ich hatte meine Gründe, die ich hier nicht so genau erläutern möchte, aber nach vier Magenschleimhautentzündungen innerhalb eines Jahres musste ich mir schon eingestehen, dass es nicht optimal läuft. Ich neige dazu, in schwierigen Situationen den Fehler bei mir zu suchen und verfalle dann gerne in folgendes Mantra: „Ich muss mich nur mehr anstrengen. Ich bin aber auch empfindlich. Das war bestimmt nicht so gemeint. Ich bin aber auch sensibel. Morgen ist ein neuer Tag. Ich schaffe das schon. Eigentlich ist es auch gar nicht so schlimm.“

Ich weiß nicht, wo dieser tief verwurzelte (Irr-)Glaube herkommt, dass ich in Situationen verharren und diese aushalten muss. Und vor allem, warum ich immerzu glaubte, dass ich mich nur mehr anstrengen muss. Diese Machtlosigkeit von früher, die hat mich lange begleitet. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich als Kind keinen Einfluss darauf hatte, dass ich meiner Mutter weggenommen wurde, weil sie alkoholkrank war. Egal. Nun bin ich 38 Jahre alt und habe etwas Wichtiges begriffen. Ich muss nicht alles mit mir machen lassen. Ich kann NEIN zu Dingen sagen und Grenzen ziehen. Und wenn das nicht hilft, dann kann ich mich Menschen und Situationen entziehen. Meistens haben wir viel mehr Handlungsspielraum als wir glauben.

In meinem Ohr klingt der Spruch: „Du musst auch mal deine Komfortzone verlassen“ und wer hier öfter mitliest, weiß, dass dieser Satz bei mir großen Widerstand auslöst. Erstens: Ich muss gar nichts. Zweitens: Das geht nun mal nicht so ad hoc. Jeder hat sein eigenes Tempo und ich finde, eine Zeitlang jammern durchaus okay. Jammern ist ein bisschen wie Anlauf nehmen. Nicht okay ist es, dem Außen zu viel Macht zu geben und sich die Handlungskompetenz entziehen zu lassen.

Nach der Trennung von meinem Mann, einem Halbmarathon, einem gehaltenem TEDx-Talk (Video folgt in Kürze), einem Tough-Mudder-Lauf und einem Jobwechsel kenne ich mich mittlerweile durchaus außerhalb meiner Komfortzone aus. Wer nach „Trennung von Mann und Job“ nun den Eindruck hat, dass ich etwas sprunghaft sei, ich denke, das kann ich verneinen, nachdem ich beide Beziehungen über zehn Jahre gepflegt habe.

Man kann aber nicht immer davon laufen. Jaaaaaaa. Das war auch lange in meinem Kopf, weshalb ich mit 17 eine fünfjährige Ausbildung zur staatlich geprüften und anerkannten Erzieherin begann und beendete, ohne diesen Beruf dann jemals auszuüben. Weil es nicht meiner war. Weil ich da hineingepresst wurde, ohne es zu wollen und weil ich dann auch nicht die Bremse ziehen konnte.

Ich denke mittlerweile, dieses Leben ist viel zu kurz, um sich in einem Milieu aufzuhalten, das einen schwächt. Wir sollten uns vielmehr mit Menschen und Dingen umgeben, die wir mögen oder sogar lieben und die uns stärken. Oder mindestens das beenden oder reduzieren, was uns nicht gut tut.

Das Verrückte: Es funktioniert. Nach meiner Kündigung dachte ich, zur Not mache einfach mal ein paar Wochen frei. Und jetzt beginne ich am Dienstag übergangslos bei einem neuen, sehr attraktiven Arbeitgeber. Natürlich weiß ich noch nicht, wie es wird. Aber es fühlt sich alles großartig an. Wenn man sich loslöst von dem, was einem nicht gut tut, ist man offen für neue Dinge, sie fliege einem geradezu zu.

Wenn ich heute noch einmal zu meinem 21-jährigen Ich zurückreisen könnte, dann würde ich ihm folgendes ins Ohr flüstern: Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen Komfortzonen zu verlassen, um sich weiter zu entwickeln oder sich selbst zu optimieren. Vergiss das. Aber: Lass‘ dich von nichts und niemandem klein machen. Mach das ganz besonders nicht mit dir selbst. Schütze dich. Stehe für dich und deine Wünsche ein, so wie du es für andere tun würdest. Vertraue dir und diesem Leben. Höre auf deinen Bauch und handle danach. Wenn er grummelt, hat das meistens seinen Grund. Lass dich nicht täuschen. Und geh, wenn es Zeit dafür ist. Egal was andere sagen. Geh deinen Weg.

wp-1475069761339.jpg

 

Dieser Beitrag wurde unter Werden und Sein abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Komfortzonen

  1. Kirsten schreibt:

    Manche Dinge müssen einfach ein bisschen reifen. Für mich war „gegen 40“ auch so ein Alter, in dem ich vieles noch mal in Frage stellte.

  2. Mama arbeitet schreibt:

    Wunderschön, Tina! Ich freu mich, wieder von dir zu lesen. Und wünsche dir ganz viel Glück!

  3. lgajewsky schreibt:

    „Jammern ist wie Anlauf nehmen“ – das gefällt mir!
    Wenn wir jammern dann hören wir uns ja auch selbst zu – und irgendwann glauben wir uns dann auch, dass etwas Änderung ansteht.
    Ich spreche übrigens lieber vom Erweitern der Komfortzone-nicht mehr vom Verlassen. Das ist viel attraktiver – und fühlt sich nach der Umsetzung auch genau so an!

  4. Heiko Erhardt schreibt:

    Schöner Blog und eine Sicht der Dinge, die ich in den meisten Aspekten durchaus teilen kann.

    Die eigene Komfortzone zu verlassen, ist überhaupt kein Muss.
    Es ist eine Option. Und es ist eine Entscheidung.

    Ich zitiere mal Albert Einstein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
    Sprich: Wenn wir uns etwas Anderes wünschen, als das, was wir haben, dann sollten wir etwas anderes tun, als das, was wir immer schon getan haben.
    Und das heißt oft: Raus aus der Komfortzone.

    Das heißt aber auch: Da gibt es Widerstände zu überwinden. Die Komfortzone bietet Sicherheit und Vertrautheit. Das ist durchaus etwas Gutes und Sinnvolles (sonst wäre sie ja nicht da) und deshalb sollte man sich nicht zu leichtfertig davon lösen. Raus aus der Komfortzone kostet Überwindung und bisweilen Opfer und auch Kraft.
    Letztlich braucht es einfach auch genug Druck, sprich Schmerz. Wir sind alle große Meister darin, den Schmerz wegzudrücken, nicht wahr zu nehmen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem das nicht mehr geht. Eine vierfache Magenschleimhautentzündung ist ganz sicher ein Indikator. Den Schmerz mal anzuschauen, mal wahrzunehmen wie weh es denn wirklich tut, kann echt aufschlußreich sein.

    Eine Möglichkeit zu reagieren bevor es so drastisch wird:
    Wir müssen unsere Komfortzone nicht gleich verlassen, wir können sie aber sehr leicht dehnen. Mal einen Ausflug unternehmen in die Welt jenseits davon. Zum Beispiel einen Tough Mudder laufen – heißt ja nicht, dass Du für den Rest Deines Lebens im Schlamm kriechen musst 😉

    Mir fällt dazu der Titel eines Seminars ein, das ich mal gemacht habe: Expand the Box. Sehr treffend. War auch nicht ganz ohne Wirkung. 😉

    Ich wünsche eine gute Reise…

  5. Corinna schreibt:

    Cool! Die meisten Grenzen werden ja nicht von uns selbst sondern von anderen gesetzt und gleichzeitig wird/wurde uns vermittelt, dass das genau richtig ist..Bis hierhin und nicht weiter. .ich habe mal gesagt „man kann nicht alles haben “ da hat mir dann jemand mal drauf geantwortet „warum nicht „! .Genau, probiere alles, trau dich und scheiss auf die Grenzen. In diesem Sinne wünsche ich dir einen super Start in deine neue Berufswelt.

  6. Kerstin schreibt:

    Danke für den wertvollen Beitrag! Er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt!

  7. Pingback: Vernetzt im September | Mama hat jetzt keine Zeit…

  8. die Sammlerin schreibt:

    Ich bin nun Ende vierzig und stelle fest, auch jetzt ändert sich mal wieder die Sicht auf die Dinge.
    Meine letzten beiden großen Kinder ziehen bzw. sind ausgezogen, die kleine Tochter wurde eingeschult. Ich stehe an einem Wendepunkt, denn von einer vierfach Mutter werde ich quasi zur Einzelkind-Mutter. Das wiederum verschafft mir Zeit, mit der ich mich noch anfreunden muss. Denn mit der großen Tochter ist auch der Hund ausgezogen. Ein Leitsatz zur Zeit ist : Aus dem Alter bin ich raus, dass muss ich nicht mehr haben ! Damit sind Diskussion mit Helikopter-Müttern über die Lehrerin und ihr Verhalten gemeint und vieles mehr. Ich halte auch nicht mehr mit meiner Meinung hinter dem Berg. Meine Lebensuhr tickt im Moment etwas lauter. Ich richte mich in meiner Wohnung neu ein, suche gleichzeitg eine kleinere. Ich bewerbe ich auf eine 20-Stunden-Stelle, nicht nur weil ich Geld verdienen will und nicht mehr vom Staat abhängig sein will, sondern weil ich Zeit habe. Ich verlasse meine Komfortzone.
    Ich wünsche Dir eine gute Zeit und viel Kraft.

  9. Heike schreibt:

    Hey, ich bin gerade zufällig auf diesen Blog gestoßen und völlig überwältigt!!!!
    Liebe Tina, wir kennen uns nicht, aber Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ich fühle mich in vielen Ihrer Artikel so wahrhaft verstanden, wie ich es bisher noch nie erlebt habe.
    DANKE für Ihre Mühen und Ihren tollen Blog! Sie helfen mir, mich selbst besser zu verstehen und innere, emotionale Klarheit zu finden, die mir so wohltuend Kraft und Stärke gibt.
    Bitte bloggen Sie weiter!
    Alles Liebe für Sie,
    Heike (aus Südbaden)

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Heike.

      Vielen vielen Dank für diesen wundervollen Kommentar, der mir viel Mut macht und mich in der Tat darin bestärkt, weiterzumachen. Ich freue mich sehr, wenn meine Zeilen genau das bewirken, was Sie beschreiben. Dafür mache ich das hier.

      Danke und alles Gute und Liebe für Sie.
      Tina

  10. Kerstin schreibt:

    Danke für diesen schönen und einprägsamen Text! Genau so ist es, ich musste dieselben Erfahrungen machen und hoffe sehr, dass ich in Zukunft feinere Antennen für mich selbst habe!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s