Der Maulwurf

Ich glaube, ich war etwa acht Jahre alt, als ich auf dem Heimweg von der Schule kurz vor zuhause einen Maulwurf fand. Wir wohnten auf dem Bleichweg, eine kleine Straße am Rande des Dorfes, der Verkehr dort war überschaubar, doch einmal in der Stunde fuhr der Laster des hiesigen Automobilkonzerns über unsere Straße, um zum angrenzenden Industriegebiet zu gelangen. Es ist über 30 Jahre her und dennoch habe ich diese Laster noch detailliert im Kopf – kleine rote Siebentonner ohne Aufschrift, die wir Kinder schon von weitem am Motorgeräusch erkannten. Ich mochte sie, sie gaben der Woche einen Rahmen und eine Ordnung, sie fuhren zuverlässig jede Stunde, Montags bis Samstags. Oft verband ich mit ihnen kleine Orakel: „Wenn ich eher an der Haustüre bin als der Laster an mir vorbeifährt, dann darf ich heute Nachmittag zu meiner Freundin zum Spielen.“

Nun, an diesem Schultag war da also der Maulwurf und lief den Randstein entlang und er war in großer Gefahr. Nicht mehr lang und der nächste Laster würde kommen und wer weiß, ob der Maulwurf so klug war und nicht auf die Straße lief. Ich fing den Maulwurf ein, ich wusste, ich muss ihn retten. Gegenüber war ein großes Feld, ich weiß nicht, warum ich ihn nicht dahin brachte. Vielleicht erschien es mir zu unsicher und ich hatte Bedenken wegen dem zu erwartenden Traktor. Der eingezäunte Garten mit dem wundervollen Rasen erschien mir sicher und schön. So konnte der Maulwurf nicht wieder versehentlich auf die Straße laufen und hatte außerdem ein schönes Zuhause. Und so hob ich den Maulwurf behutsam über den Zaun unseres Nachbarn.

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Zuhause angekommen war ich der festen Überzeugung eine gute Tat vollbracht zu haben. Aber anstatt  dass man mich voller Stolz mit Lob überschüttete, bekam ich Ärger. Dass ich das doch nicht machen könne, man dürfe keine Maulwürfe in die Gärten anderer Leute setzen. Mein Argument, dass der Maulwurf auf der Straße bestimmt gestorben wäre, galt nicht. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich die Reaktion nicht verstand. Hatte ich nicht etwas mildtätiges und gütiges getan? Warum bekam ich dafür Ärger? War es nicht sogar meine Pflicht, den Maulwurf zu retten?

Ich muss auch heute noch oft an diese Geschichte denken.  Ja, vielleicht sorgt der Maulwurf für kunterbunte Erdhügel auf dem englischen Rasen. Schlussendlich ist es aber nur das, was man sieht. Dass der Maulwurf auch viele positive Eigenschaften mitbringt, das wird vollkommen übersehen.

Ganz ehrlich: Ich verstehe es heute noch nicht. Warum das Hab und Gut eines anderen mehr wert ist als das Leben eines anderen Lebewesen. Warum wir jemanden in Not keinen Unterschlupf gewähren wollen, nur weil es bei uns dann etwas aufwühlt. Es sei kompliziert, hört man da oft. Ich denke, das ist es nicht. Es ist eine Frage der Priorität.

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3 Antworten zu Der Maulwurf

  1. Lutz Prauser schreibt:

    Es war absolut richtig – ich hätte es auch nicht anders gemacht. Damals nicht und auch heute würde ich es genauso machen.

  2. mysexysalad schreibt:

    Ich kann die Bestürzung der Kleinen richtig nachfühlen, wie sie etwas für sie absolut Richtiges tut und die Erwachsenenwelt so völlig enttäuschend reagiert.

    Mir ist etwas sehr ähnliches passiert, als ich etwa 6 oder 7 war. Wir waren bei einem Nachbarn zu Gast, den wir nicht sehr gut kannten (und der mir von Anfang an irgendwie suspekt war…). Irgendwann bemerkte ich beim Spielen aus dem Augenwinkel, dass der Mann eine langstielige Hacke aus dem Werkzeug-Schuppen holte und drauf und dran war, diese mit Schwung in einem Maulwurfshügel zu versenken.

    Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem verletzten, blutenden kleinen Tier, das hilflos an der Hacke zappelte… und ich nahm all meinen Mut und meine Empörung zusammen, stürzte auf ihn zu, brüllte ihm so etwas wie „Mörder“ entgegen, entriss ihm das Werkzeug und versteckte es im hintersten Winkel des Gartens. Dann brach ich in bittere, entrüstete Tränen aus ob der Grausamkeit der Welt, sogar in meiner eigenen Nachbarschaft.

    Meinen Eltern war mein Auftritt unendlich peinlich und soweit ich mich erinnern kann, hatte auch niemand Verständnis für meine beherzte Rettungsaktion (naja, mein Vater insgeheim wahrscheinlich schon). Heute nehme ich die Kleine innerlich öfter mal in den Arm und drücke sie dafür, dass sie sich so mutig für Schwächere eingesetzt hat.

    Danke für Deine Geschichte!

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