Das Erbe

Die Nachricht, dass mein leiblicher Vater verstorben ist, erhielt ich per E-Mail. Das war schon – nennen wir es – speziell, der Inhalt der E-Mail stand dem aber in nichts nach. Mein Onkel verstand es, kurz und knackig drei Sachen zu kommunizieren:

  1. Dein Vater ist tot. Du musst dich um die Beerdigung kümmern.
  2. Du und deine Kinder sollten das Erbe ablehnen, denn da sind nur Schulden.
  3. Ich habe schon einen Käufer für das gemeinsame elterliche Haus, praktisch wäre jetzt eine Vollmacht von dir.

Ja. So hab ich auch geguckt.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß: Ich hatte keinen Kontakt zu meinem Vater, nie wirklich gehabt. Ich bin in einer Pflegefamilie aufgewachsen, weil 100 % meiner Eltern nicht in der Lage waren, ihren Pflichten nachzukommen. Meine, von meinem Vater getrennte, alkoholabhängige Mutter hat mich stark vernachlässigt, die Polizei samt Jugendamt holten mich einmal ab, nachdem meine Mutter mir die Tür nicht mehr öffnete und viele Monate später, nach einem Entzug und einem weiteren Versuch meiner Mutter ein zweites Mal wegen akuter, wenn auch wiederholter grober Kindsgefährdung. Ich kannte Hunger und ich kannte Einsamkeit. Ich war sechs Jahre alt.

Mein Vater war zu der Zeit nicht da, angeblich, weil sie das zu verhindern wusste. Aber selbst, als er die Chance dazu hatte, nämlich als das Jugendamt ihn informierte, dass ich nun in einer Pflegefamilie sei, wusste er diese nicht zu nutzen, hielt Absprachen nicht ein, machte falsche Angaben und verschwand dann ohne eine Erklärung für zehn Jahre. Es gab dann den ein oder anderen späteren Kontaktversuch und als ich letztes Jahr hörte, dass er schwer krank sei, habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, dennoch den Kontakt zu verneinen.

Ich möchte zusammenfassen: Weder meine Mutter, noch mein Vater sind jemals ihren elterlichen Pflichten nachgekommen, weder durch Präsenz, noch in finanzieller Hinsicht, denn Unterhalt hat meine Mutter beispielsweise nie gezahlt und mein Vater nur sehr überschaubar. Viel kann das nicht gewesen sein, wie ich nun weiß.

Warum erzähle ich das alles? Als mein Vater nun verstarb, lernte ich, dass es eine sogenannte Bestattungspflicht gibt. Als leibliches Kind bin ich verpflichtet, dieser nachzukommen.Wenn ich mich weigere, tritt das Ordnungsamt auf den Plan und versucht dann, die Kosten entsprechend einzutreiben. Ich sah mich außer Stande, eine Beerdigung für meinen Vater zu organisieren. Einen Vater, den ich nie hatte und von dem ich zudem 700 Kilometer weit weg wohnte. Also setzte ich  mich gleich mit dem Ordnungsamt in Verbindung, besprach sachlich die Lage mit ihnen und sie übernahmen. Die Kosten dafür werden nun bei mir eingetrieben und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das abwenden kann. Mir wurde deutlich mitgeteilt, dass die Bestattungspflicht Gesetz ist und es keine Rolle spielt, ob der Verstorbene ein Erbe hinterlassen hat, ob man dieses überhaupt annimmt, ob man zum Verstorbenen Kontakt hatte oder ob er sonst irgendwelche Verfehlungen gegenüber des Bestattungspflichtigen getätigt hat. Das Geld wurde vom Staat ausgelegt und die Motivation scheint groß, es wiederzubekommen.

Bei der Durchsicht der Unterlagen meines Vaters stieß ich in der Tat auf viele Schulden, unter anderem auf einen Pfändungsbeschluss des Jugendamts, in welchem der rückständige Unterhalt in Höhe von knapp 15.000 Euro gefordert wurde. Dazu muss ich folgendes erklären: Das Jugendamt hat den Unterhalt vorgestreckt und meinen Pflegeeltern überwiesen und dann erfolglos versucht, dieses Geld bei meinem Vater einzutreiben.

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Trotz Pfändungsbeschluss kein Erfolg beim Eintreiben des Unterhalts

Ich rief beim Jugendamt an und fragte, ob die Forderung noch aktuell sei und ob die über den Tod hinaus gilt. Man musste sich beraten und rief mich zurück. Ja, der Saldo sei aktuell und ausständig, Zinsen kämen noch hinzu und insgesamt müsste das vom Erben übernommen werden. Und nein, verhandeln kann man da nicht, da dies Staatsschulden sind, kann man da nichts erlassen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich das kaufmännisch voll und ganz verständlich finde. Aber schlussendlich – wenn man das ein wenig plakativ formulieren und auf den Punkt bringen möchte – hieß das, ich hätte meinen eigenen Unterhalt ans Jugendamt zurückzahlen müssen.

Plötzlich wurde das Jugendamt auch sehr aktiv und forderte Grundbuchauszüge an und ich bin mir sicher, dass sie nun massiv werden und mehr Erfolg haben werden als die Jahrzehnte davor.

Ich habe das Erbe abgelehnt. Ich meide den Kontakt zu meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters, der sämtliche Pflichten mir auferlegen wollte und sich selbst für nichts verantwortlich fühlte. In der Zwischenzeit habe ich mich vom Vermieter meines Vaters anschreien, beschimpfen und mir drohen lassen und auch diesen Kontakt mittlerweile über mein Handy gesperrt. Er versteht nicht, dass ich abgelehnt habe und nicht in der Pflicht bin. Und ja, ich verstehe ihn sehr gut, aber das hier ist nicht meins.

Ich möchte noch einmal zusammenfassen, weil das wichtig für das ist, worauf ich hinweisen möchte: Mein Vater hat sich nicht um mich gekümmert und hat quasi keinen Unterhalt für mich bezahlt. Das Jugendamt hat es förmlich 37 Jahre lang (meine Eltern haben sich getrennt, da war ich zwei) nicht geschafft, den Unterhalt einzutreiben, werden aber jetzt sehr aktiv, wo ich die Schuldnerin wäre. Ich bin verpflichtet, für die Beerdigung meines Vater aufzukommen, nur weil ich die Tochter bin und werde mich dem vermutlich nicht entziehen können.

In dem Zusammenhang möchte ich Christine Finke von Blog Mama arbeitet zitieren:

… trotz Klagen vor Gericht und Hilfegesuchen bei Behörden kommen 75% der Alleinerziehenden nicht an ihr Geld. Unterhaltspflichtige ignorieren die Pflicht, zu zahlen, verschleiern ihr Einkommen oder entziehen sich durch Umzug ins Ausland….

 

Ich lese immer wieder von Alleinerziehenden, die vom Jugendamt gesagt bekommen, da könne man nichts machen und die den gesamten Unterhalt alleine bestreiten. Unterhalt, welcher nicht wie bei mir vom Jugendamt vorgestreckt wird, sondern schlicht und ergreifend ausbleibt und den die Alleinerziehende vollumfänglich alleine kompensieren muss.

Interessant, oder? Ich bin mitten drin, ich bin vorgespannt und ich bin emotional, aber täuscht mich der Eindruck, dass das Interesse, Geld einzutreiben ein vielfaches höher ist, wenn der Staat es ausgelegt hat, als wenn „nur“ Alleinerziehende ihre Kinder großziehen wollen?

 

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19 Antworten zu Das Erbe

  1. Micha Braun schreibt:

    Absolut unfassbar…

  2. zuckermutter schreibt:

    Hat dies auf Zuckermutter rebloggt und kommentierte:
    Sehr intressanter Bericht über den Tod eines gleichgültigen Vaters und die Pflicht ihn zu bestatten.

  3. corinna mueller schreibt:

    Mensch Tina, ist das alles widerlich oder? Mein Mann hat damals auch jahrelang keinen Unterhalt gezahlt, weil wir es mit gemeinsamen Schulden verrechnen wuerden, hiess es. Auf einmal stimmte es dann nicht mehr. Laut Gesetz verjaehrt Kindesunterhalt nach 3 Jahren.. aber ich musste die Schulden bezahlen… was sagte die Anwaeltin so schoen, Recht haben und Recht bekommen ist Zweierlei. Ich koennte noch weiter ausfuehren, was mir mit meiner lieben Familie alles noch aufgelastet wurde. Am Ende des Tages sage ich mir, es ist nur Geld, ich bin nun gluecklich und vorbei. Ich kann dich aber sehr sehr gut verstehen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Corinna, du hast Recht, es ist nur Geld. Ein weiterer Grund, warum ich das Erbe abgelehnt habe, selbst wenn ein paar Euros übrig geblieben wären, nach all den Schulden, all das wäre es mir nicht recht gewesen. Ich ärgere mich nicht schwarz, ich kann schlafen und ich bin froh, abgelehnt zu haben. Und auch, sollte ich wirklich die Beerdigung zahlen müssen, nun, dann ist es so. Ich schrieb diesen Text, um dem Missstand einen Raum zu geben, es gesagt und geschrieben zu haben, um darauf hinzuweisen. Es ist falsch.

  4. Kirsten schreibt:

    Das muss anscheinend so. Schon bei einem viel weniger tiefgreifenden Beispiel: Wenn ich Elterngeld beantrage, zählen die meisten Sonderzahlungen (die, wenn ich im Vertrieb arbeite, einen großen Teil des Gehalts ausmachen können) nicht als Gehalt, anhand dessen das Elterngeld berechnet wird. Gildet einfach nicht, Elterngeld fällt entsprechend niedriger aus.

    Wenn ich dann aber z.B. Kindergartenbeiträge zahlen muss und die sich nach dem Einkommen berechnen, dann wird alles, aber auch alles, was verdient wird, zusammengerechnet und als Einkommen gewertet, damit man auch ja in Richtung Höchstbetrag rutscht.

    Ich würde das mal „Rosinenpicken“ nennen, schön ist das nicht.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Das ist auch ein interessantes Beispiel, ja. Dankeschön.

    • Manuela Smith schreibt:

      Das gleiche Problem hatte ich auch. Sämtliche Zuschläge die ich auf Arbeit hatte waren nicht gültig bei Berechnung des elterngelds deswegen bin ich nach 3 Monaten wieder voll eingestiegen. Aber Berechnung der kitagebühren da wurde sogar das Gehalt meines getrenntlebenden Mannes berechnet noch über die Scheidung hinaus obwohl es nie Unterhalt von ihm gab. Das war dem Staat allerdings völlig egal.

  5. Katharina schreibt:

    Ich trau mich kaum, „gefällt mir“ zu klicken. Das ist ja absurd!

  6. Annett schreibt:

    Sehr gut geschrieben und ich kann dir in dem nur sagen, das es traurig ist, das das JA jahrelang nichts unternimmt undxerst dann tätig wird, wenn es um eventuelle rückerstattung geht da das vorgestreckte/ die schulden weitervererbt wurden und dadurch vielleicht an geld ranzukommen ist. Bin in einer ähnlichen situation nur das mein erzeuger sich nie um mich gekümmert hat, nie etwas gezahlt hat….wenn s dann so läuft wie bei dir …naja…dann kann ich mich freuen. Traurig das unterhaltspflichtige zu lebzeiten “ geschützt“ werden

  7. Berit schreibt:

    Vielleicht sollten die Kollegen vom Jugendamt mal ein Praktikum beim Ordnungsamt machen, die scheinen da besser geschult zu sein -.-

    Ich bewundere Sie übrigens wie sachlich Sie den Artikel schreiben konnten. Mir ist schon beim Lesen die Hutschnur geplatzt.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Danke für diesen Kommentar. Ich habe den Text ganz bewusst sachlich gehalten, weil ich möchte, dass genau das wahrgenommen wird, was passiert ist. Nicht wie ich mich fühle. Ich möchte darauf hinweisen, wie absurd das alles ist, die Sache an sich. Wenn ich nun aber schimpfe, zynisch und wütend werde, dann lenkt das ab.

      Darüber hinaus war ich aber all das und die ganze Geschichte hat mich viele Nerven gekostet.

  8. Sue Hatari schreibt:

    Dieses ganze Prozedere mit dem Unterhaltsvorschuss ist sowieso eine Farce. Abgesehen von der zeitlichen Beschränkung auf 6 Jahre wird bei erfolgreicher Klage zuerst das Jugendamt entschädigt, wenn überhaupt. Das bedeutet, man hat den Stress und das Jugendamt den Nutzen. Folglich verzichten viele, weil sie einfach nicht die Kapazitäten haben für sinnlose Kämpfe. Was mal als Schutz der Kinder vor Armut gedacht war (wie auch das Kindergeld), wurde inzwischen so ausgehöhlt, dass inzwischen das Gegenteil der Fall ist, man wird vom Staat unter Druck gesetzt. Das alles stellt unterm Strich eine andere Form der Geburtenkontrolle dar, wenn Kinder bekommen zum Privileg für besser Verdienende wird. Dann beklagen die Politiker den sogenannten demografischen Wandel. Erst den Hahn zudrehen und sich dann wundern, wenn kein Wasser mehr fließt…

  9. Anne schreibt:

    Was mich wundert, wie kann das Jugendamt die Schulden Ihres Vaters bei Ihnen einfordern, wenn Sie das Erbe ausgeschlagen haben? Damit erben Sie doch nicht seine Schulden, oder? Vielleicht wäre da mal zu klären, ob das überhaupt rechtlich korrekt ist, was das Jugendamt da sagt.
    Generell zeigt es aber wirklich wieder, wie die Mühlen hier laufen. Mir fällt auch immer auf, daß ich als unverheiratete Mutter, die aber in Beziehung lebt, grundsätzlich vom Staat so behandelt werde, wie es für mich finanziell ungünstiger ist ist. Bei Krankenversicherung bin ich ledig, bei Steuern bin ich liiert.

  10. kiddothekid schreibt:

    Jesus Christus. Ich kann gerade gar nichts sagen. So bizarr ist das alles. Ich sende Dir statt dessen einen festen Jedi-Hug über dieses Internet. Gute Gedanken und alles.

  11. heikoerhardt schreibt:

    Mein Rat: Zahl die Beerdigung und betrachte es als Preis dafür, endlich Ruhe vor diesem traurigen Kapitel zu haben. Und such Dir einen Weg, die aufgestaute Wut (ja, sie ist da, auch wenn Du sie vielleicht nicht sehen magst) kontrolliert, aber richtig knackig abzureagieren. Ansonsten wirkt dieses Gift im Verborgenen und verletzt die Menschen in Deiner Umgebung. Kann vielleicht heftig werden, befreit aber ungemein und tut niemandem weh.

  12. Pingback: Linktipps #12 - Meine Blogfunde im Januar - Mama geht online

  13. Muglintar schreibt:

    „Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich das kaufmännisch voll und ganz verständlich finde. Aber schlussendlich – wenn man das ein wenig plakativ formulieren und auf den Punkt bringen möchte – hieß das, ich hätte meinen eigenen Unterhalt ans Jugendamt zurückzahlen müssen.“
    Sorry, aber da ist ein Denkfehler, wäre das Erbe nicht überschuldet gewesen und Du hättest entsprechend angenommen, wären, aus der Erbmasse heraus, zuerst die Schulen Deines Vaters beglichen worden (ob beim JA oder Vermieter oder sonstwo ist dabei egal), bevor der Rest unter den Erben (ggfs. nach Testament, sonst nach gesetzlicher Erbfolge) verteilt wird. Der Erlös aus dem Verkauf des Elternhauses sollte aber eigentlich die Unterhaltsschulden Deines Vaters vollumfänglich decken.
    Jetzt war Das Erbe überschuldet und Du hast ausgeschlagen, damit sind die Schulden aber eben auch nicht Deine, man hätte auch überlegen können, eine Nachlass-Insolvenz durchführen zu lassen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, das ist alles korrekt und sehe ich ganz genauso. Wie gesagt, kaufmännisch verstehe ich das voll und ganz. Der von dir zitierte Absatz bezieht sich rein auf die Emotionalität.

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