Wie ich mal einen TEDx-Talk hielt #tedxstuttgart

In meinem Blog schreibe ich oft über sensible Themen. Meine Themen. Ich habe sie selbst erlebt und oft liegt ihnen eine große Verletzung zugrunde. Manchmal sind es auch Tabu-Themen. Indem ich öffentlich darüber schreibe, mache ich mich zwangsläufig angreifbar. Vor meinem Laptop sitzend gebe ich mich jedoch oft der Illusion hin, durch das Glas des Bildschirms zwischen mir und diesem Internet geschützt zu sein und lange dachte ich, meine Zeilen lesen eh nur sehr wenige Menschen. Aber die Statistik meines Blogs widerspricht mir zunehmend. Dennoch: Egal über was ich hier bisher schrieb, die Reaktionen waren immer respekt- oft sogar liebevoll – selbst als ich darüber berichtete, dass ich eine Mutter bin, deren Kinder nach der Trennung bei ihrem Vater leben. Und da hatte ich mit Sturm gerechnet. Der kam, aber ganz anderes – wohlwollend, neugierig, aufatmend, ermunternd.

Als ich das Angebot bekam, bei der TEDx zu sprechen, fühlte ich mich sehr geehrt und sagte sofort zu. Für die Vorbereitung hatte ich lockere vier Monate Zeit, „entspannt“ dachte ich. Aber so vier Monate vergehen viel schneller als man meint, manchmal dauern sie quasi nur gefühlt zwei Wochen. Nachdem ich mich fertig gefreut hatte, durchlief ich viele verschiedene Stadien. Vom Träumen wieder zurück zum Freuen, sporadische Vorbereitungen und intensiver Konsum anderer TED-Talks. Allerdings machte ich den Fehler, überwiegend die amerikanischen Talks zu gucken, die oft an Großartigkeit nicht zu übertreffen sind und ich war dann erstmal ordentlich eingeschüchtert. Zwischendurch sammelte ich viele Gedankenfetzen und war motiviert. Und auch wieder nicht. Es gab die klassischen Übersprungshandlungen und Prioritätenverschiebungen, Fensterputzen erschien mir plötzlich sehr wichtig. Und die Bügelwäsche war in der Zeit ein Traum.

Das TEDx-Team war super. Sie hielten immer Kontakt, übten den nötigen Druck aus, den ein Prokrastinierer wie ich braucht, aber niemals zu viel, immer wertschätzend und mit dem richtigen Fokus. Natürlich wollten sie für ihre Gäste eine gelungene Veranstaltung, aber besonders wünschten sie uns Teilnehmern, dass wir einen Talk hielten, mit dem wir uns rundum wohl fühlten und glücklich waren und zwar für lange Zeit. Denn ein TEDx-Talk wird aufgezeichnet und in dieses Internet gestellt. Damit muss man dann leben, das sollte also sitzen.

Als ich endlich intensiver in die Vorbereitung ging gehen sollte, hatte ich eine üble Blockade. Es ging nicht, ich kam einfach nicht rein. Ich zweifelte. Was hatte ich den Menschen schon zu erzählen? Würde das überhaupt jemand hören wollen? Ich legte dennoch los und fing einfach an – mittendrin – denn ein Einstieg wollte mir einfach nicht gelingen.

Bis ich erkannte, dass ich Angst hatte. Kein Lampenfieber – ich hatte Angst, mich mit meinem Thema vor 400 – mir völlig fremden – Menschen zu offenbaren. Ungeschützt. Ohne Bildschirm, da auf der Bühne stehend, Auge in Auge. Was, wenn sie mich nicht mochten? Gar offen ablehnten, weil ich diese Art von Mutter bin? Was, wenn mir die gesellschaftliche Haltung plötzlich offen und im direkten Kontakt entgegen schlagen würde?

Die Angst zu erkennen, half enorm und plötzlich ging’s. Besonders hilfreich war auch der Austausch mit den TEDx-Kollegen und dem -Team. Das war Gold wert und hat ordentlich Antrieb gegeben. Zudem hatte ich eine wundervolle Coachin, die mit ganz viel Feingefühl mit mir dahin guckte, wo es im Kopf und Herzen hakte. Ich habe viel über Körpersprache gelernt und für mich verbessern können. Die wichtigste Erfahrung aus meinem Coaching: „Erzähle deine Geschichte und deine Verletzungen, aber ohne Opferhaltung. Kopf hoch!“ Das hat viel für mich verändert. Nicht nur für meinen Talk, sondern besonders in mir drin, meine innere Haltung mir gegenüber.

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Am Tag der Veranstaltung war ich natürlich aufgeregt. Aber als ich im Opernhaus ankam und die Räumlichkeiten sah, fühlte ich mich fast heimisch. Ein sehr interessantes Gebäude und die Bühne war einfach schön. Ich war so erleichtert, dass ich die Menschen doch ansehen konnte und das Licht nicht so war, dass ich in ein schwarzes Nichts sprechen musste. 

Mein Talk lief gut, auch wenn ich diesen Moment hatte, den wohl jeder fürchtet. Ich hatte einen Aussetzer (sieht man nicht im Video) und da war mal kurz in meinem Kopf vollkommene Leere. Und das absolut überraschend. Ich habe das Ganze etwa 1.746 Mal geprobt und kannte die kritischen Stellen. Diese war es nicht – eigentlich. Unangenehm. Doch das Publikum war sehr sehr freundlich, es fing an zu klatschen und damit war der Kopf wieder klar und alles wieder da. So viel zu meiner Angst der offenen Ablehnung. Ich bin immer noch gerührt, wenn ich daran denke.

Einen TEDx-Talk darf man sich nicht vorstellen wie einen Vortrag. Es geht nicht so sehr um denjenigen, der auf der Bühne steht. Es geht darum, dem Hörer ein Geschenk zu machen. Nach dem Talk soll er etwas für sich mitnehmen können. Das ist schwierig, aber sehr reizvoll. Für mich war es eine wunderbare und großartige Erfahrung, die mich noch lange begleiten und stärken wird. Und besonders freut mich, dass nach dem Talk Menschen auf mich zukamen, die mir erzählten, dass sie sich in meinen Worten wiedergefunden haben. So sollte es ja sein.

Aber genug der geschriebenen Worten, hier ist das lang ersehnte Video.

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17 Antworten zu Wie ich mal einen TEDx-Talk hielt #tedxstuttgart

  1. mutterseelesonnig schreibt:

    Toll! Ich kann mir das den ganzen Tag angucken. Du bist so klug und so mutig!

  2. Dr. Mo schreibt:

    Das hast du sehr gut gemacht. Gand durchdacht und frei, so mutig und nah und persönlich. Ich gratuliere dir. Eine tolle Leistung!

  3. Andreas Schweizer schreibt:

    „nachdem ich mich fertig gefreut hatte“, 😘 Du hast ja so eine schier unglaubliche Offenheit und Ehrlichkeit. Du bist ein echtes Juwel.

    Schön auch, zu hören wie sich der Veranstalter kümmert, begleitet, Erfolge schenken will und Wertschätzung zeigt

  4. Katharina schreibt:

    Was Du zu erzählen hast, bereichert meine Gedanken und dadurch mein Leben. Danke dafür!

  5. Kiki schreibt:

    Was für eine kluge, mutige, charmante Rede von einer tollen Frau. Danke!

  6. Claudia schreibt:

    Hab Tränen in den Augen und bin zutiefst berührt. Danke für Deine so wichtigen, ehrlichen und offenen Worte und auch speziell für diesen Satz: „Man muss nicht alles glauben, was man denkt.“ Und danke, dass Du ZEIGST, wie kraftvoll und entschieden trotz aller empfundenen Zerrissenheit Du Deine Entscheidungen trägst und zu welchem Segen sie damit erst recht werden – weit über Euren „Mikrokosmos“ hinaus durch Dein ebenso entschiedenes wie mutiges Teilhabenlassen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Claudia. Vielen vielen Dank für deine wundervollen Zeilen und die großartige Rückmeldung. Ich freue mich wahnsinnig. Das ist es, was ich will. Berühren. Aufzeigen, was möglich ist. Impulse setzen. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir zu schreiben.

  7. Alice schreibt:

    „Ich könnte das nicht!“ – da könnte ich mir vorstellen, auch aus Egoismus nicht. Weil man den Schmerz nicht ertragen möchte, soll das mal besser der andere übernehmen. Unabhängig davon, was besser für die Kinder ist.
    Ich bin berührt von deiner Geschichte, wie du da stehst, aufrecht und aufrichtig. Ich finde es schade, dass es nicht nur darum geht, wie ihr als Familie am besten leben könnt. Eigentlich klingt es doch gut auf dem Papier: bestmögliche Entscheidung für alle, ihr kommt gut zurecht. Sehr schade, wenn ihr euch nicht daran freuen könnt, das so hinbekommen zu haben, und du dich so mit den Reaktionen deiner Umwelt aufhalten musst.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Alice,

      danke für dein schönes Feedback.

      Unabhängig von den Reaktionen kann ich mich schon freuen über das, was wir haben und schaffen. Sogar sehr oft. Immer, wenn wir ganz easy Absprachen treffen, uns einig sind, gegenseitig helfen, die Kinder die Freiheit haben, vom anderen beim anderen zu sprechen ohne einen Loyalitätskonflikt zu haben.

      Und dann gibt es eben auch das Außen. Aber ich kann das trennen und oft bin ich sogar richtig stolz auf uns.

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