Was bleibt?

Nun ist er also fort. Unser beider Leben hat nie in ein gemeinsames gepasst. Ich bin traurig darum, dass es nur nebeneinander, niemals miteinander und absolut ohne einander vergangen ist. Das sollte für Vater und Tochter anders laufen, nicht so.

Ich hadere nicht. Es war wichtig für mich, mich gegen einen Kontakt zu entscheiden. Und nun hat er ohnehin dafür gesorgt, dass ich mich mit ihm auseinandersetzen muss, denn seinen Nachlass hat er nicht geregelt und gesetzlich bin ich nun verantwortlich. Von seinem einzigen noch lebenden Verwandten und seiner ihn noch nicht sehr lang begleitenden Lebensgefährtin weiß ich, er hat sich eine anonyme Feuerbestattung gewünscht. Die beiden brauchen keine Zeremonie, sie haben sich nach eigener Aussage bereits verabschiedet und so bekommt der Tod plötzlich einen fad schmeckenden administrativen Charakter. Es ist etwas, das erledigt werden muss, der nun leere Körper muss weg. Ich persönlich brauche ebenfalls keine Grabkultur, aber das hier kommt mir komplett falsch vor. Wie kann es sein, dass jemand ein Leben beendet und niemand Anspruch auf einen offiziellen Abschied erhebt? Wie unfassbar einsam kann ein Leben sein?

Er hat immer am Existenzminimum gelebt, war ständig auf der Suche nach Anerkennung und das auf eine nicht sehr sympathische Weise. Unsere Gesellschaft neigt dazu, hier schnell auszurufen: “Selbst schuld. Er selbst hätte ja etwas an seiner Situation ändern können. Jeder ist seines Glückes Schmied.” Aber ich hege den Verdacht, dass Manche in dieser Gesellschaft nur sehr schlechtes Stahl zum Schmieden gereicht bekommen und dass wir es uns zu leicht machen, auf genau diese Menschen mit dem Finger zu zeigen.

Ich bin tatsächlich und überraschenderweise in Trauer, dabei denke ich, das steht mir gar nicht zu. Ich bin hin und her gerissen zwischen Erinnerungsfetzen an einen Menschen, den ich nicht kannte, der Frage, wie es wohl heute um mich stünde, wenn ich bei ihm groß geworden wäre, der Gewissheit um mein Glück im Unglück, in einer liebenden Pflegefamilie groß geworden zu sein, Mitgefühl mit seinem Leben und dann wieder Wut. Wie konnte er sich nur davon stehlen ohne etwas zu regeln, wissentlich um sein bald zu erwartendes Ableben? Wie konnte er nur erwarten, dass seine Tochter dann alles regeln würde, mit welchem Recht hat er sich weich in diese nicht vorhandene “Familie” fallen lassen? Ich will das nicht, aber ich werde es tun, manchmal ist das eben so.

Ich frage mich, was bleibt? Offenbar hat er in den letzten zwei Jahren Liebe gefunden und gegeben. Vielleicht müssen zwei Jahre manchmal für ein ganzes Leben reichen.

Nun, und ich bleibe. Sein Beitrag dazu war überschaubar, aber dann doch unverzichtbar. In meiner Vorstellung endet das Leben nicht in einem dunklen und finsteren Nichts, ich glaube, es endet in Liebe, ich glaube, das ist die Essenz von allem, egal was vorher war. Für meine Kinder, meinen Partner, meine Lieben wünsche ich mir, dass wir so viel wie möglich davon auch schon in diesem Leben (er-) leben. Für einen liebevollen Blick auf meinen Vater reicht es nun nicht, aber ich bin klar und ich wünsche ihm Frieden. Ich denke, sein Leben war konsequenzen-reich genug, den Frieden hat er nun verdient.

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7 Antworten zu Was bleibt?

  1. Andreas Schweizer schreibt:

    ach ist das traurig – und dennoch irgendwie schön, wie es Dir gelingt all das einzuordnen.

    Das wenigstens hat Dein Vater hinterlassen: Eine ganz starke und weise Tochter mit viel (zuviel) Erfahrung in Lebens-Beziehungsfragen – und mehr noch, zwei lebensfrohe Grosskinder mit einer guten Zukunft.

    Mich selber fühle ich nicht ganz wohl beim reinschauen und reinschreiben in Euer Leben, dennoch wünsche ich Euch drei alles alles liebe und Gute.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Danke für deinen schönen Kommentar. Und fühl dich wohl hier, ich habe die Türe über meinen Blog in mein Leben geöffnet und dazu eingeladen, hier zu sein. Mir tut der Austausch und das Feedback gut. Danke dafür, dass du das immer wieder tust.

  2. Kathi schreibt:

    Du bist unglaublich reflektiert, ich bewundere das sehr arg an dir!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Danke, ich freue mich immer über so ein Feedback.

      So klaren Gedanken geht allerdings meistens ein ziemlich chaotischer Wirbelsturm im Kopf vorher. Das hier, was ihr hier lesen könnt, ist „nur“ das Ergebnis nach einer wilden Zeit.

  3. Claudia schreibt:

    In Deinem anderen Blogbeitrag schriebst Du von Deinen Gedanken dazu, ob es richtig sei, den Kontakt weiterhin abgebrochen zu halten. Das Gefühl sagte Dir, dass es zu dem Zeitpunkt richtig sei. Und nun schreibst Du davon, dass Du Dich um die Beerdigung Deines Vaters zu kümmern hast, dass er also auch da nicht für Dich vor-gesorgt hat. In mir kam der Gedanke, dass es ein Zeichen ist dafür, dass seinerseits bis zu diesem Ende keine Entwicklung in Richtung auf Dich als seine Tochter stattgefunden hat. Der Narzissmus ist in dieser Hinsicht geblieben bis zum Schluss. Vielleicht auch eine Bestätigung, dass Du Deinem Bauchgefühl, u. a. Dich selbst zu schützen, damals und jederzeit trauen darfst?

  4. markusmerz schreibt:

    Ohne ihn wärst du nicht. Das muss wirklich reichen Punkt

  5. Pingback: Abschied | WerdenundSein

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