Im Falle einer Trennung: Es gibt nicht DAS Modell

divorce-156444_1280Wenn so brandaktuelle Diskussionen im Gange sind und ich Artikel in Zeitungen sowie auf verschiedenen Blogs lese, denke ich oft, ich sehe das große Ganze nicht. Ich bewundere, wie Zahlen, Daten und Fakten in einen gesamt stimmigen Text verknüpft werden. Dann bin ich oft ein wenig eingeschüchtert und traue mich nicht, zusätzlich noch Stellung zu beziehen. Zumal ich ja auch keinen Text à la: „Ja genauso denke ich auch“ schreiben will.

Bezüglich der aktuell stattfindenden Diskussion rund um das Wechselmodell, das momentan aufgrund eines BGH-Urteils in aller Munde ist, habe ich allerdings viele Gedanken, andere, als die, die mir häufig begegnen. Diesmal denke ich nicht, ich sehe das große Ganze nicht, ich denke: Vor lauter Wald sieht niemand mehr die Bäume.

Aber ganz kurz zum Urteil: Das Gericht entschied, dass das Wechselmodell, bei dem ein Kind seinen Wohnsitz beispielsweise wochenweise zwischen den Eltern wechselt, auch dann gelebt werden kann, wenn ein Elternteil partout dagegen ist. Geklagt hatte ein Vater gegen eine Mutter und gewonnen. Grundsätzlich gibt es die Diskussion rund um das Wechselmodell nicht erst seit dem Urteil. Ich verfolge das schon lange und die ganze Zeit habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Nicht wegen des Wechselmodells an sich, es ist die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wird und über was diskutiert wird.

Der Anspruch am Kind

Vor ein paar Tagen las ich eine Überschrift in der Zeit und diese fasst sehr gut zusammen, was mich besonders stört: Getrennte Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind.

Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind … das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sollte es nicht umgekehrt heißen: Kinder haben Anspruch auf Zeit mit ihren Eltern? Auf beide Eltern? Es ist nur eine Überschrift und doch ist es das, was gedacht und worüber gesprochen wird.

Als wären Kinder ein Ding, über das man nach der Scheidung entscheiden kann wie um den Rest des im Zugewinns oder was auch immer befindlichen Inventars. Es werden elterlicherseits Ansprüche geltend gemacht und scheinbar auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Denn es besteht ja schließlich ein Rechtsanspruch. Rechte die von ganz oben festgelegt wurden.

Was ich total lustig finde: Diese Rechte – die haben Eltern ja schon die ganze Zeit. Im Normalfall, da wo keine Traumata in Familien stattfinden – haben beide Eltern dieselben Rechte per Sorgerecht. Und wenn Eltern erwachsen miteinander umgingen, dann könnten sie nach einer Trennung auch eine Regelung finden, ohne Gericht und ohne Jugendamt. Wenn Eltern nicht auf Paarebene miteinander reden würden, sondern Verantwortung auf Elternebene übernähmen, dann könnten sie ihre eigene Entscheidung für ihre kleine Familie treffen, so dass es für alle funktioniert.

Aber das Leben ist kein Bullerbü und so geht es um Macht, es geht um Rache, es geht um alles, aber nicht ums Kind. Und in diesem ganzen Zank und in all dieser Ego-Scheiße geben Eltern das Ruder aus der Hand, verwirken ihre Rechte und lassen diese von oben neu entscheiden. Am Ende ist keiner glücklich, denn plötzlich treffen Gerichte und Ämter Entscheidungen, für die sie gar nicht kompetent sind. Denn diese kennen weder die Eltern, noch die Kinder.

Nennt mich naiv, aber ich bin der festen Überzeugung, dass alle Eltern grundsätzlich erst einmal kompetente Entscheider für ihre Kinder sind. Ich bin auch der Überzeugung, dass Familie bunt und individuell ist und dass es DAS Modell für Trennungskinder nicht gibt. Eltern haben unterschiedliche Lebenssituationen, Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse. All das gilt es zu vereinbaren. Familie sollte immer ein Ort sein, in dem es allen möglichst gut geht, auch nach einer Trennung. Das schließt Kinder und Eltern ein.

Ich bin jetzt seit zwei Jahren eine Mutter, deren Kindern seit der Trennung bei ihrem Vater wohnen. Ich hole meine Kinder Montags und Freitags von Kindergarten und Schule ab und verbringe den Nachmittag mit ihnen, jedes zweite Wochenende bleiben sie bei mir. Mein Ex-Mann und ich waren uns immer einig, dass wir uns nicht um die Kinder streiten würden. Die Kinder hätten genauso gut bei mir leben können, aber so wie wir es jetzt leben, hat für sie die meisten Vorteile und wir als Eltern können es händeln. Wir haben dabei nicht daran gedacht, wer wie viel Anspruch auf die Kinder hat.

Im übrigen glaube ich nicht daran, dass es für Kinder nach einer Trennung eine Lösung gibt, die genauso gut ist, wie ihr Leben vor einer Trennung. Kinder wünschen sich einfach beide Eltern. Bei einer Trennung muss man diesen Schmerz dann seinen Kindern zumuten. Doch man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Im übrigen ist keine Trennung auch keine Lösung. Dieses Totschlag-Argument kommt nämlich häufig, gerne auch in der Form: Frauen trennen sich zu leichtfertig. Manchmal geht es als Paar nicht mehr weiter, da kann man sich auf den Kopf stellen und mit den Zehen wackeln, wenn es nicht geht und man vieles versucht hat, ist es manchmal einfach besser, man verzichtet als Paar aufeinander. Beim sogenannten Nestmodell gibt es eine Wohnung, in der die Kinder fest leben und die Eltern pendeln. Dann empfangen plötzlich die Kinder ihre Eltern und nicht mehr umgekehrt. Völlig unabhängig davon, dass das finanziell für die meisten Familien nicht drin sein dürfte, halte ich das für eine Verschiebung einer Position, die eigentlich die Eltern inne haben sollten. Ich habe den Eindruck, dass dies ein falsch verstandener Schutz der Kinder ist.

Liest man etwas über das „Residenz-Modell“, das heißt die Kinder leben bei einem Elternteil, wird fast immer davon gesprochen, dass dies dann eben erstens die Mutter ist und zweitens der Vater die Kinder nur an jedem zweiten Wochenende sieht. Warum? Das ist mir unerklärlich. Warum geht das dann nur alle 14 Tage? Warum nicht auch an verschiedenen Nachmittagen? Ganz nebenbei geht es nämlich nicht nur darum, ob man Zeit mit seinen Kindern verbringen will, sondern auch darum, sich Elternschaft trotz Trennung zu teilen. Und damit meine ich die Verantwortung, nicht nur die Zuckerseiten.

Und wenn Eltern nicht kompetente Entscheider sind?

Natürlich weiß ich, dass die Welt nicht so rosarot ist, wie ich sie gerne hätte und es Paare gibt, die finden nach einer Trennung nicht alleine zurück zu einem guten Miteinander. Ich persönlich sehe das so: Wenn ich jetzt noch Paarthemen mit meinem Ex-Mann klären müsste, dann hätte ich auch gleich mit ihm zusammenbleiben können. Ich höre das immer wieder, dass Paarthemen eine maßgebliche Rolle spielen im Leben nach der Trennung. Ich wünschte, hier würden Eltern Hilfen in Anspruch nehmen können, um so eine gute Lösung und einen guten Umgang zu finden. Das würde bedeuten, dass es diese Hilfe wirklich gäbe und Eltern diese auch in Anspruch nähmen.

Diesem Gerichtsurteil wird viel unterstellt: Es ebene den Weg, um die Väter davor zu bewahren, keinen Unterhalt zahlen zu müssen, das wolle der Staat vielleicht sogar, weil ja dies den Topf des neuen Unterhaltsvorschusses schonen würde.

Ich habe auch schon von Fällen gelesen, in dem Kinder gezwungen wurden, Zeit mit ihren gewalttätigen Vätern zu verbringen und da gibt es schlimme Schicksale. Das ist real, das gibt es, gar nicht mal so selten.

Aber ich habe auch schon gelesen, wie Väter per se kriminalisiert wurden und diese Pauschalisierung erfüllt mich mit Unbehagen.

Es ist kompliziert

Wie immer ist es nicht einfach.

Ich sehe Alleinerziehende, die am Existenzminimum leben, sowohl finanziell wie nervlich, weil sie völlig allein sind und weder Unterhalt noch Unterstützung erhalten. Auf der anderen Seite nehme ich einen Widerstand wahr, der sich auf Modelle bezieht, in denen die Mutter nicht die Hauptverantwortung übernimmt. Es gibt Familien, in denen Gewalt vorherrschte, für diese sind pauschale Lösungen sogar gefährlich.

Ich sehe viele Missverständnisse zwischen Menschen, die einmal guter Dinge eine Familie gegründet haben und nun nicht mehr in der Lage sind, diese verantwortungsvoll zu führen, weil ihnen Zwischenmenschlichkeiten völlig aus dem Blick rücken, worum es eigentlich geht.

Ich möchte euch Familien Mut machen. Trennt euch, wenn ihr als Paar nicht mehr zurecht kommt, aber haltet als Eltern zusammen. Lasst nicht die Gerichte oder Jugendämter für euch entscheiden. Findet eine Lösung, die für euch in Ordnung ist, wie auch immer die aussehen wird. Bleibt Entscheider und lasst euch von niemandem etwas erzählen. Wenn ich etwas als Elternteil gelernt habe, dann, dass man es keinem recht machen kann. Dann kann ich es doch gleich so machen, wie ich es für richtig halte. Es gibt Lösungen außerhalb des typischen „der Vater zieht aus und sieht sein Kind nur alle 14 Tage – wenn überhaupt“. Findet sie. Habt Mut. Redet miteinander. Glaubt mir, das schafft viel Frieden. Ihr müsst nach einer Trennung keine Freunde sein. Man darf als Paar versagen. Als Eltern sollte es irgendwie weitergehen.

 

 


Über mein Wochenendmutter-Dasein habe ich mal einen TedX-Talk gehalten.  Und auch schon ganz viel geschrieben:

Wochenend-Mutter

Wochenendmutter: Was ich noch sagen wollte.

Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

50 qm

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Eine Antwort zu Im Falle einer Trennung: Es gibt nicht DAS Modell

  1. Ein sehr gelungener Beitrag. Gerne werde ich ihn besonders an Väter in Trennungssituationen weiterlinken und zum Lesen und Nachdenken vorschlagen. Denn es ist ja so: Sobald man die Verantwortung als Eltern nicht mehr ernst nimmt und Dritte einlädt mit zu mischen, stehen unzählige willfährige Streitschürer*innen bereit, die mit der Spaltung von Eltern ihr Geld verdienen. Sie pampern das Ego von Müttern und Vätern, um sie in den Konflikt weiter reinzuziehnen. Leider ist auch das ganze System Profiteur und darauf ausgerichtet, vom Melde-, Kindergeld, Sozial- bis zum Familienrecht überkommene Rollenverteilungen zu zementieren. Der „neue“ Unterhaltsvorschuss als Prämie für den Kinderbesitz wird es noch schlimmer machen. Unterstützung für echte kindzentrierte Elternautonomie in der Triade Kind-Mutter-Vater sucht man meist vergebens.

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