Abschied

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Es ist der Tag nach der Beerdigung meines (Pflege-)Bruders. Er starb vor eineinhalb Wochen völlig überraschend im Schlaf. Im Januar wäre er 46 Jahre alt geworden.

Es ist falsch. Schlicht und ergreifend falsch. Ich bin voll mit Eindrücken, sie schwirren durch meinen Kopf, in dem es gleichzeitig still und furchtbar laut ist.

Gerade erst ist mein leiblicher Vater gestorben, er führte ein offensichtlich einsames Leben und ich stellte mir die Frage: Was bleibt? Diesmal ist die Frage leichter zu beantworten. Zurück bleibt eine fassungslose Großfamilie: eine Oma, die mittlerweile auch schon Ur-Ur-Oma ist, eine wahnsinnig starke und gefasste Mutter, ein Vater, vier Geschwister, Schwager und Schwägerinnen, eine Enkelin und ein gerade erst erwachsener Sohn, dessen Trauer grenzenlos ist. Da ist eine Familie, die voll ist mit Erinnerungen um meinen Bruder, welche von Humor und Lebenslust geprägt sind. Der Kontrast zwischen diesen beiden Leben, dem meines Vaters und dem meines Bruders, könnte größer nicht sein. Meinen leiblichen Vater wollte niemand beerdigen, da ist einfach niemand, der an seinem Grab stehen wollte, die Lebensgefährtin wie der Bruder hätten sich bereits im Krankenhaus verabschiedet und ich für mich? Ich hatte 39 Jahre quasi keinen Kontakt zu ihm, wovon sollte ich mich verabschieden? Und dann noch allein?

Diese Beerdigung gestern zu erleben, rührt mich zutiefst. Da waren Freunde, die selbst trauerten und doch wie ein Rahmen um die Familie standen, die wiederum einen stützenden Rahmen um die Kernfamilie bildeten. Meine (Pflege-)Mutter, die ihren Sohn beerdigen musste und zudem noch Mutter von vier weiteren (erwachsenen) Kindern ist, die trauerten und zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, für uns da zu sein. Was fast nicht nötig war, denn immerzu war ein Familienmitglied für uns Geschwister da – eine Tante, ein Onkel, ein Schwager – irgendwer hakte sich immer mir unter oder legte seine Hand auf meinen Rücken.

Ich habe so viele Bilder im Kopf. Die beste und langjährige Freundin meiner Mutter, wie sie in den Trauersaal hineinkommt und ich dachte: „Puh, nun begleitet sie ihre Freundin, wie sie ihren Sohn beerdigt.“ Die Oma, die meinte, eigentlich wäre sie dran gewesen. Mein Neffe hinter dem Sarg meines Bruders. So hatte jeder seine Rolle dort, jeder auf seine Weise und aus dieser großen Familie hinausblickend schaute ich auf die Freunde und dachte: „Welchen Ort haben sie? Wo und wie trauern Freunde, wo lassen die sich?“ Auch nicht einfach. Auf der Facebook-Seite meines Bruders bekunden sie ihr Beileid und ich lese die Beiträge tatsächlich gern, kurz nach der Nachricht haben sie mir sogar geholfen, zu begreifen, dass das, was geschehen ist, auch wirklich wahr ist. Trauer 2.0 im Web, neue Zeiten, nicht falsch, anders und doch tröstlich.

Es war immer schwierig für mich, diese beiden Familien unter einen Hut zu bringen. Hier die leibliche Familie, da die mich schützende und liebende Pflegefamilie. Da gab es für mich viele Loyalitätskonflikte. Normalerweise überschnitten sich diese Familien selten, die Schnittmenge war ich. Nun ist der Tod eine weitere. Sehr unterschiedlich in seiner Ausprägung und Wirkung, bei meinem leiblichen Vater über ein Jahr erwartbar und vermutlich erlösend und bei meinem Bruder grausam und überraschend.

Auf der leiblichen Seite viel Ärger, menschliche Hässlichkeiten, nervenaufreibende Gespräche und Verpflichtungen, die man mir aufdrücken möchte und auf der anderen Seite diese Familie mit all ihrem Zusammenhalt und ihrer Fürsorge. Mit dem Tod meines leiblichen Vaters hatte ich die Gelegenheit, in ein Leben zu blicken, das ich beinahe geführt hätte, die Unfähigkeit meiner beiden Eltern wusste das zu verhindern. Das klingt bitter, ich meine das aber völlig sachlich. Und dankbar. Dankbar um das Leben, das ich heute führen darf und das vermutlich in der – auf neudeutsch – Filterbubble meiner leiblichen Eltern ein völlig anderes gewesen wäre.

Die vergangenen drei Wochen waren vom Abschied geprägt. Die Geschichte mit meinem Vater ist zu Ende. Es ist ein Unterschied, sich – aus Gründen – gegen einen Kontakt zu entscheiden oder das Kapitel nun endgültig schließen zu müssen. Es war bitter zu erkennen, dass er auch am Schluss nicht an mich gedacht hat, seine Verantwortung nicht wahrnahm, sogar ganz im Gegenteil erwartete, dass ich nun alles regeln würde.

Um meinen Bruder trauere ich. Wir sind gemeinsam aufgewachsen und waren Familie. Die Trauer trifft mich unerwartet, das ist völlig neu, das kannte ich bisher noch nicht. Es wird sich alles finden. Man atmet und geht Schritt für Schritt vorwärts. Und bekommt einen sehr guten Blick dafür, was wirklich wichtig ist.

 

 

 

 

 

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12 Antworten zu Abschied

  1. Claudia schreibt:

    Liebe Tina, ein kleiner stiller Gruß von mir. Ich wünsche Dir viel Kraft für die kommende Zeit und weiterhin viele offene Herzen um Dich herum und für und mit dieser Familie, die gesegnet ist durch Ihr Füreinanderdasein, gerade jetzt.

  2. sag Kai schreibt:

    Es ist gut zu lesen, wie geborgen Du in Deiner zweiten Familie um Deinen Bruder trauern konntest. Danke, dass Du es teilst. Mich hat Dein Text auch deshalb sehr berührt, weil ein Freund vor zwei Jahren auch mit 46 und auch völlig überraschen in der Nacht verstarb. Das weckt viele Erinnerungen.
    Ich wünsche Dir viele gute Erinnerungen an Deinen Bruder. Solange sich jemand an die Verstorbenen erinnert, so lange sind sie nicht ganz weg.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, das denke ich auch. Auf der Facebook-Pinnwand meines Bruders schrieb jemand: Das Schönste, das ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken. Das gefällt mir auch sehr gut.

  3. Katharina schreibt:

    Mir fehlen die Worte, um Dich zu trösten, deshalb nur eine virtuelle Umarmung und ein ❤ für Dich. Sei behütet!

  4. Andrea schreibt:

    Liebe Tina! Ich fühle wirklich tiefes Beileid. Für das durch das du in den letzten Wochen gehen musst. denn so oder so – es schmerzt! Jeder Abschied auf seiner Weise.
    ich wünsche Dir Kraft, liebe Menschen in deiner Nähe und Nähe zu Dir selbst das alles zu durchleben.
    Fühl dich gedrückt!

  5. heikoerhardt schreibt:

    Liebe Tina, Ich kann das mit Deinem Bruder nachvollziehen.
    Ich habe vor 2 Monaten meine Halbschwester verloren.
    Letztlich der letzte Link zu meiner Ursprungsfamilie, viel mehr ist da leider nicht.
    Mit ihren drei Kindern hatte sie lange keine Kontakt mehr gehabt. Letzten Endes Sturköpfe, die sich wegen Kleinigkeiten jahrelang in die Wolle kriegen. Unfähig, zu reden, unfähig zu vergessen. Unglaublich, mit was für verhärteten Panzern die Menschen manchmal rumlaufen. In unseren Schulen bringen sie uns alles Mögliche bei, nur nicht wie mir miteinander klar kommen.
    Die verbliebene Sippe hat sich dann auf der Beerdigung getroffen – eine absurd profane Veranstaltung, auf der sich wohl jeder unwohl und deplatziert gefühlt hat. Ich war erleichtert, als beim Restaurantbesuch danach ein wenig Kontakt und Wärme zu spüren war.
    Ob richtig oder falsch – darüber sind wir nicht zu einer Einschätzung fähig. Wenn überhaupt irgendeine Entität…
    Die Dinge sind, wie sie sind. Das Leben geht weiter.
    Ich habe aus dem Leben meiner Schwester, die mir gerade in den letzten Jahren nahe gestanden hat, viel gelernt. Und ich habe mir geschworen, das eine oder andere besser zu machen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Lieber Heiko,
      das mit deiner Schwester tut mir leid, danke, dass du das mit mir teilst. Es ist schwer zu verstehen, dass Familien so auseinander driften können. Gerade weil wir uns da so nah sind oder waren, ist da oft viel Potenzial zur Verletzung. Und die macht es uns oft unmöglich, wieder aufeinander zu zugehen. Letztlich – so hat mir mal eine Therapeutin gesagt – lernen wir in diesem Rahmen besonders viel, ganz ähnlich wie in einer Partnerschaft. Oft sind es eben harte Lektionen.
      Ganz liebe Grüße
      Tina

  6. Herz und Liebe schreibt:

    Ich drück dich! (((<3)))

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